Page 22 - Kulturpreisträger_Künstlerprotraits
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1986 Jürgen Wölbing Breslau 1942KANNITVERSTANDer Mensch hat wohl täglich Gelegenheit, in Emmendingen und Gundelfingen so gut als in Amsterdam Betrachtungen über den Unbe- stand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will, und zufrieden zu werden mit seinem Schicksal, wenn auch nicht viel gebratene Tauben für ihn in der Luft herumfliegen. Aber auf dem seltsamsten Umweg kam ein deutscher Handwerksbursche in Amsterdam durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis. Denn als er in diese große und reiche Handels- stadt voll prächtiger Häuser, wogender Schiffe und geschäftiger Menschen gekommen war,fiel ihm sogleich ein großes und schönes Haus in die Augen, wie er auf seiner ganzen Wander- schaft von Duttlingen bis nach Amsterdam noch keines erlebt hatte. Lange betrachtete er mit Verwunderung dies kostbare Gebäude, die sechs Kamine auf dem Dach, die schönen Ge- simse und die hohen Fenster, größer als an des Vaters Haus daheim die Tür. Endlich konnteer sich nicht entbrechen, einen Vorübergehen- den anzureden. „Guter Freund“, redete er ihn an, „könnt Ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dieses wunderschöne Haus gehört mit den Fenstern voll Tulipanen, Sternenblumen und Levkojen?“ – Der Mann aber, der vermut- lich etwas Wichtigeres zu tun hatte und zum Unglück geradeso viel von der deutschen Spra- che verstand als der Fragende von der holländi- schen, nämlich nichts, sagte kurz und schnau- zig: „Kannitverstan“, und schnurrte vorüber. Dies war nur ein holländisches Wort oder drei, wenn man’s recht betrachtet, und heißt auf deutsch soviel als: Ich kann Euch nicht ver- stehn. Aber der gute Fremdling glaubte, es sei der Name des Mannes, nach dem er gefragt hatte. Das muss ein grundreicher Mann sein, der Herr Kannitverstan, dachte er und ging weiter.Gaß aus, Gaß ein kam er endlich an den Meer- busen, der da heißt: Het Ei, oder auf deutsch: das Ypsilon. Da stand nun Schiff an Schiff und Mastbaum an Mastbaum, und er wusste an- fänglich nicht, wie er es mit seinen zwei einzigen Augen durchfechten werde, alle diese Merkwür- digkeiten genug zu sehen und zu betrachten, bis endlich ein großes Schiff seine Aufmerksam- keit an sich zog, das vor kurzem aus Ostindien angelangt war und jetzt eben ausgeladen wurde. Schon standen ganze Reihen von Kisten und Ballen auf- und nebeneinander am Lande. Noch immer wurden mehrere herausgewälzt und Fässer voll Zucker und Kaffee, voll Reis und Pfeffer und salveni Mausdreck darunter. Als er aber lange zugesehen hatte, fragte er end- lich einen, der eben eine Kiste auf der Achsel heraustrug, wie der glückliche Mann heiße, dem das Meer alle diese Waren an das Land bringe. „Kannitverstan“, war die Antwort. Da dacht er: Haha, schaut’s da heraus? Kein Wunder, wem das Meer solche Reichtümer an das Land schwemmt, der hat gut solche Häuser in die Welt stellen und solcherlei Tulipanen vor die Fenster in vergoldeten Scherben.Jetzt ging er wieder zurück und stellte eine recht traurige Betrachtung bei sich selbst an, was er für ein armer Menschl sei unter so viel reichen Leuten in der Welt. Aber als er eben dachte: Wenn ich’s doch nur auch einmal so gut bekäme, wie dieser Herr Kannitverstan es hat, kam er um eine Ecke und erblickte einen großen Leichenzug. Vier schwarz vermummte Pferde zogen einen ebenfalls schwarz überzoge- nen Leichenwagen langsam und traurig, alsob sie wüssten, dass sie einen Toten in seine Ruhe führten. Ein langer Zug von Freunden und Bekannten des Verstorbenen folgte nach, Paar und Paar, verhüllt in schwarze Mäntel und stumm. In der Ferne läutete ein einsames Glöcklein. Jetzt ergriff unsern Fremdling ein wehmütiges Gefühl, das an keinem guten Men- schen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht,und blieb mit dem Hut in den Händen andäch- tig stehen, bis alles vorüber war. Doch machte er sich an den letzten vom Zug, der eben inder Stille ausrechnete, was er an seiner Baum- wolle gewinnen könnte, wenn der Zentner um 10 Gulden aufschlüge, ergriff ihn sachte am Mantel und bat ihn treuherzig um Exküse. „Das muss wohl auch ein guter Freund von Euch ge- wesen sein“, sagte er, „dem das Glöcklein läutet, dass Ihr so betrübt und nachdenklich mitgeht.“ „Kannitverstan!“ war die Antwort. Da fielen unserm guten duttlinger ein paar große Tränen aus den Augen, und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. „Armer Kannitverstan“, rief er aus, „was hast du nun von allem deinem Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust oder eine Raute.“ Mit diesem Gedanken begleitete er die Leiche, als wenn er dazu gehörte, bis ans Grab, sah den vermeinten Herrn Kannit- verstan hinabsenken in seine Ruhestätte und ward von der holländischen Leichenpredigt, von der er kein Wort verstand, mehr gerührt als von mancher deutschen, auf die er nicht achtgab. Endlich ging er leichten Herzens mit den andern wieder fort, verzehrte in einer Herberge, wo man Deutsch verstand, mit gutem Appetit ein Stück Limburger Käse, und wenn es ihm wieder einmal schwer fallen wollte, dass so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.Aus dem „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“Von Johann Peter Hebel (1760 – 1826) Manesse Verlag, Zürich22Jürgen Wölbing · Hinter den Zäunen 1B · 61137 SchöneckWWW.KULTURPREIS.NET


































































































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