1997 keim

1997 · Theater

Günther Keim

Gunzenhausen 1956

Parkstr. 3 • 36381 Schlüchtern

Tel.: 06661-402472



Günther Keim

Weltentheater mit Sphärenklängen und eurhytmischem Tanz, Volkstheater mit burlesken Rüpeleien, Amateurtheater mit Aufsagecharakter und affektiertem Pathos sowie ganz intime und zu Herzen gehende Szenen erleben die Zuschauerinnen und Zuschauer, die seit 1987 zur Sommerzeit auf die Burg Schwarzenfels im Sinntal strömen. Initiator der Spektakel und ihr künstlerischer Leiter ist Günther Keim, der mit einem ausgeklügelten logistischen Konzept, mit anthroposophisch geprägtem Intellekt und dem Impetus eines passionierten Regisseurs Klassiker der Weltliteratur in den Bergwinkel bringt.

Seine Akteure sind bis auf wenige Ausnahmen Amateure, Ortsansässige aus den umliegenden Ortschaften im Alter zwischen sechs und 60 Jahren und jugendliche Patientinnen und Patienten der Heil- und Lebensstätte Friedrich Daumer. Wer Günther Keim zuhört, wenn er ein Regiekonzept entwirft, wer ihn beobachtet, wenn er inszeniert, der erlebt einen fanatischen Theatermenschen, von dem man annehmen würde, dass er aus einem musisch-geprägten Elternhaus käme und dessen Kinderjahre bereits von Theaterluft bestimmt waren.

Das Gegenteil ist der Fall und die Schilderung seiner ersten Lebensjahre liest sich, als stamme sie aus dem 19. Jahrhundert. Er wächst bis zu seiner Schulzeit auf einem Einödhof, umgeben von Wald, ohne Strom und fließendes Wasser, auf. Das Leben wird bestimmt vom jahreszeitlichen Wechsel der Natur und den entsprechenden Aufgaben in der Landwirtschaft. Die Grundbedürfnisse des Alltags in Einklang mit der Natur zu bringen, ist eine Selbstverständlichkeit. Erst mit der Einschulung in Uffenheim wird die Umwelt neu entdeckt. Mit sieben Jahren will Günther Keim Schriftsteller werden, danach Maler, ab 1980 weiß er, dass er alles daransetzen würde, die Bretter, die die Welt bedeuten, zu betreten.

Das erste Theaterprojekt, an dem er mitwirkt, ist "Kaspar Hauser in Treblinka", damals ist er 23 Jahre alt. 1980—1984 bildet er sich in Deutschland und in der Schweiz als Schauspieler und Regisseur aus. Anschließend ist er am Goetheanum, zwischen 1984 und 1986 folgen freie Rollenengagements und Regieaufgaben als auch Tätigkeiten als Dozent in der Erwachsenenbildung, in der Jugendarbeit und in der Drogentherapie.

Als er von der Heil- und Lebensstätte Friedrich Daumer eingeladen wird, in Schwarzenfels einen schauspieltherapeutischen Intensivkurs zu geben, ist dies der Anfang für die Theaterprojekte auf der Burg. 1986 findet in den historischen Kulissen die Premiere von "Die Jungfrau von Orleans" statt, 1989 folgt "Faust I", 1990 "Zanoni". "Zanoni" entwickelt Keim in Gestalt eines Curriculums für Studenten einer Fachschule, die diplomierte Theatertherapeuten ausbildet. In Kleingruppen entsteht unter Keims Anleitung von sieben Studenten und 50 Mitwirkenden die Inszenierung als Gesamtkunstwerk.

Die Schwarzenfelser Bevölkerung betrachtet die Theateraufführungen mit zunehmendem Wohlwollen, erinnert sich an eigene Theatertraditionen und fragt: "Müssen wir jetzt erst drogenabhängig werden, damit wir auch mit einem guten Regisseur Theaterspielen können?" Im Sommer 1991 studiert Keim anlässlich einer lokalen Kulturwoche mit 25 Schwarzenfelsern Anekdoten aus der Dorfgeschichte ein und fasst aufgrund der positiven Erfahrungen den Mut für ein Mammutunternehmen.

In 15 verschiedenen Gruppierungen mit sechs Theaterprofis und mehr als 100 Hobbymimen, unterstützt vom Main-Kinzig-Kreis, versetzt Keim den Bergwinkel ins Shakespeare-Fieber und inszeniert den "Sommernachtstraum" als Stationendrama auf der Burg.

1996 bringt er in gleicher Manier Ibsens "Peer Gynt" heraus, 1998 eine Dramatisierung von Jakob Wassermanns Roman "Kaspar Hauser oder die Trägheit des Herzens". 1997 und 1999 beschäftigt sich Günther Keim wieder intensiv mit dem Faust-Thema:

1997 inszeniert er den Klassiker als interdisziplinäre Gemeinschaftsproduktion von mehreren Gesamtschulen des Main-Kinzig-Kreises mit acht weiblichen Mephistos und jeweils doppelt besetzten Rollen von Faust, Gretchen, Marthe, Lieschen und Valentin. 1999 gibt es zum 250. Geburtstag des Olympiers "Faust" als Kammerspiel mit Keim in der Titelrolle und als Mephisto. Als vorerst letzte Aufführung findet Shakespeares "Was ihr wollt" im Jahre 2000 auf Burg Schwarzenfels statt.