1990 beyer

1990 • Puppentheater

Joachim Beyer

Friedland 1923 – Hanau 2012



Joachim Beyer

Als Joachim Beyer, Lehrer an der Staatlichen Zeichenakademie in Hanau, in den 1960er Jahren die Marionetten-AG gründet, will er "die musische Basis an der Schule verbreitern", denn er findet, Fachschulen seien oft schmalspurig und sehr sachbezogen. In der Erarbeitung einer Marionetten-Aufführung sieht er für sich und seine Schüler die Chance, ein Gesamtkunstwerk zu entwickeln, das vom Handwerklichen — dem Eigenbau der Figur, dem Erlernen der Spieltechnik — Auseinandersetzungen mit Kunst, Musik und Literatur beinhaltet.

Beyer, 1923 in Friedland, Mecklenburg geboren, wächst selbst in einer musisch geprägten Familie auf, der Vater ist Studienrat für Literatur, der Großvater ein bekannter Heimatschriftsteller. Mütterlicherseits kommt die Musikalität dazu über die Freiherrliche Familie von Holzschuher, die eine bekannte Pianistin hervorgebracht hat und im übrigen Nachfahren des Nürnberger Hieronymus Holzschuher sind, der schon von Albrecht Dürer porträtiert wurde. Joachim Beyer besucht das Humanistische Gymnasium in Friedland, bis er 1942 eingezogen wird und "den Krieg in all seinen Schrecken" erleben muss. Am Kriegsende liegt er verwundet im Lazarett in Heide, Schleswig-Holstein, und überlegt, mit welchen Talenten er das neue Leben beginnen soll. Da er immer gerne gemalt hat, beginnt er in einem Schreibbüro als Zeichner zu arbeiten und tingelt nebenbei mit einer Theatergruppe übers Land. "Das war Schmierentheater übelster Art", bekennt er, aber er habe dort viel Aufführungspraxis gelernt, — auf Stichworte achten, Handlungen auf einen Punkt bringen — Techniken, die ihm beim Marionettenspiel später zugute kommen.

1948 bewirbt er sich an verschiedenen Kunstschulen, wird in Hanau angenommen und besucht die Graphik-Klasse. Nach Abschluss der Ausbildung bittet ihn Direktor Oehmichen, als Lehrer an der Akademie zu bleiben. Fast 40 Jahre unterrichtet Beyer mit großer Freude Zeichnen und Malen, "denn das Lehramt hat mir sehr gelegen."

Inspiriert von seinem Bruder, der in Oberammergau Holzbildhauer ist, beginnt er sich mit Marionettenbau zu beschäftigen, betreibt "Grundlagenforschung bei den Holzköppen" in Steinau, bei der "Augsburger Puppenkiste" und am berühmten Salzburger Marionettentheater, bevor er mit seinen Studenten mit der Geschichte vom Doktor Faustus debütiert. In den folgenden Jahren bringt er mit wechselnden Schüler-Ensembles Carl Orffs "Die Kluge", Shakespeares "Der Sturm" und "Ein Sommernachtstraum", Eichs "Böhmische Schneider", Dürrenmatts "Prozess um des Esels Schatten" und Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" auf die Bühne. Mit seiner Theatergruppe erzielt er bei der Internationalen Puppenspielwoche in Bochum einmal den ersten und einmal den zweiten Preis.

Über eine Aufführung der Orff-Oper schreibt der Musik- und Theaterkritiker Adami 1980: "Besonders stark hat uns die Sorgfalt beeindruckt, mit der sie die Figuren selbst ausgearbeitet haben und wie lebensecht die Marionetten sich bewegt haben, wie alles genau zur Musik passte, wie reizend die Bühnenbilder in allen Einzelheiten künstlerisch gestaltet waren. Auch der Stil dieses köstlichen Orff-Werkes war ausgezeichnet getroffen, dass es eine Freude war."

Seit seiner Pensionierung 1988 hat Joachim Beyer gemeinsam mit seiner Frau Lore Solo-Programme entwickelt. Das Ehepaar beherrscht ein Repertoire von 20 Nummern, ein Marionetten-Varieté mit Akrobat, Equilibrist, Kunstgeiger, Opernsängerin und Stardirigent, Lore Beyer reimt Pro- und Epiloge für einen Moritaten singenden Leierkastenmann (…). Die Szenen sind Kabinettstücke des Figurentheaters, sie haben in über 200 öffentlichen und privaten Vorstellungen das Publikum begeistert. Für seine Verdienste wird Joachim Beyer 1994 mit der August-Gaul-Plakette der Stadt Hanau geehrt.