Philipp Christoph Mayer

Laudatio auf Förderpreisträger Philipp Christoph Mayer

28. Februar 1995, Hanau: Die Geburt verlief ohne Komplikationen, wesentlich schneller als erwartet.

21 Jahre später, München-Schwabing, Steinheilstraße, Café Jasmin... Sie sehen, es folgt die teuerste Laudatio in 40 Jahren Kulturpreis des Main-Kinzig-Kreises. Nein, keine Angst, wie immer konnte ich geschickt das Sinnvolle mit dem Unnötigen verbinden...

Vor mir sitzt ein junger Mann. Wir durchstreifen gedanklich den Tag, Freitag, den 21. Oktober 2016, die Woche, das Jahr, die, die waren und die, die kommen und es fasziniert mich, dass ein so junger Mensch mit sicherem Tritt auf die Dinge und auf sich schaut.

Station München. BWL, Maschinenbau, Komposition, eine WG in Schwabing. Station – nicht Ziel, eine Station, nach beträchtlichen Anstrengungen im strengen und langwierigen Auswahlverfahren unter den Besten, mit den Besten erreicht. Keine Anfänge, nein bewährt in Tonsatz, Gehörbildung, Formenlehre, Analyse und als aktiver Musiker am Instrument, dem Klavier, seit jeher, Philipp Mayers Instrument, nicht ohne die Lust und etliche Erfahrungen im Erkunden anderer musikalisch physikalischer Schwingungselemente... wen wundert’s, schreibt er doch nicht nur für Klavier.

Spätestens hier würde sich jeder andere Mensch schon am Ziel sehen bzw. zur Ruhe setzen. Philipp Mayer hält kurz inne, holt tief Luft, nimmt mit, was er kriegen kann und befindet sich mental schon wieder auf dem Weg, ganz zu schweigen von einem kleinen – „Umweg“ trifft es nicht, weil das Wort nach Verlust sinnt, es ist eine kreative Zuladung, „ganz in der Nähe“, Philipp machte zwei Semester Station am Conservatoire de Paris, bei Stefano Gervasoni, um dann wieder nach München zurückzukehren. Paris, die Stadt der Liebe, Philipp Mayers Liebe zur Musik, zum Schaffen, zum Forschen, zum Leben...

Er steht früh auf, arbeitet eine Stunde, zunächst Fleißarbeit, die Kompositionen müssen, vom anfänglich benutzten klassischen Notenpapier in den Computer eingegeben werden, das bietet auch gleich Gelegenheit den Mailverkehr zu pflegen, die Verwaltung, die auch im Leben des Komponisten immer wichtiger wird, eine Welt, „in der ich präsentiert, in der ich wahrgenommen werden muss“.

Frühstück bis 9:30 Uhr

Weiter geht’s. Es wird sich die kreative Zeit des Tages heraus genommen, das Komponieren, welches in das Mittagessen, gelegentlich mit Spaß auch selbst gekocht, gelegentlich aus rationellen Überlegungen in der Münchener Mensa, mündet, mundet...

Kurse an der Hochschule und das Klavierspiel, sehr zentraler Inhalt, ein Moment des Ausdrucks, des Gutfühlens... sind die Folge. Abends dann vielleicht ein Konzertbesuch, für Mahlers Neunte am Abend gab es keine Karten mehr, bleibt der Vorliebe zum Kino und dem gemeinsamen Getränk mit Freunden zu frönen. Philipp Mayer bedeutet die Struktur im Alltag, im Arbeiten, in der Musik sehr viel. Struktur in einem Leben, das maximale Freiheit und die Einsicht in die Notwendigkeit immer wieder konstruktiv miteinander zu verbinden sucht. Mit sicherem Tritt weicht er dabei dem verführerischen Schlagloch der Selbstausbeute, einem Verbrennungsphänomen von zahlreichen Kunst- und Kulturschaffenden noch ganz erfolgreich aus. Er sagt: „Du musst die Balance finden, dich organisieren, mit den Kräften haushalten dann ist es wunder- wunderschön diese Freiheit zu haben, sich den Tag selbst zu strukturieren.“

Und Samstag: Fußball!!! Und das sagt mein junger Gesprächspartner mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit. Das gehört dazu, das muss sein. Philipp Mayer spielt regelmäßig in einer Mannschaft, so richtig, Turnier, nach allen Regeln der „Kunst“. Da geht es zur Sache, 90 Minuten, zwei Mannschaften, Schiedsrichter. Im „Korean Football Club Munich“ bedingt durch einen guten koreanischen Freund. Philipps Begeisterung springt wiederholt auf mich über, da betritt plötzlich der Brigitte-Diät-Club Schwabing lautstark das Café Jasmin, der Geräuschpegel, analog zum Fanclub eines Fußballvereins, hebt sich enorm. Wir setzen unser Gespräch allerdings nicht weniger begeistert, transponiert und mit deutlichem Crescendo fort. Manchmal etwas ruppig, da muss man aufpassen, wir sind wieder beim Fußball, dementsprechend besteht das Wochenende womöglich auch mal aus dem Lecken der Wunden vom letzten Spiel... neben einem Museumsbesuch oder entspannenden anderen Dingen. Wobei ein guter Arbeits-Flow, auch dem Sonntag immer wieder den angemessenen spirituellen Aspekt verleiht.

Und dabei begann alles mit Wut. Beethovens Wut! Wut über den verlorenen Groschen, ein Stück für Klavier! Der fünfjährige Philipp hörte das Stück im Unterricht seiner Mutter und befand: Das will ich auch! Er fragte entschlossen, wie lange das denn dauern könne, bis er diese Wut Beethovens... am Klavier... 10 Jahre (seine Mama entschlossener). Philipp folgerte: Das ist ok! Und los ging’s! Es war etwas länger, aber dafür mit umso mehr Tiefgang, schaut man auf die erfolgreiche Teilnahme an den uns bekannten Klavierwettbewerben sowie „Jugend musiziert“. Der Klavierunterricht bei der Mutter, Beate Moritz-Meyer, immer wieder Gegenstand unseres Gesprächs.

Ein gutes Abitur eröffnete gute Möglichkeiten, vor allem viele, unterschiedliche Möglichkeiten ein Leben auszurichten, aber, zu spät! Der Musik bereits hoffnungslos verfallen, war die Richtung klar und es war eine ganz besondere. Eine außerordentliche, wie ich Ihnen versichern muss, eine, die auf eine ganz bestimmte Art über allen Bereichen des Genres Musik steht: Komposition! ...keine reproduzierende Artistik! Da saß er nun mir gegenüber, Café Jasmin, München-Schwabing, mitten im Leben, der Brigitte-Diät-Club nebenan steigert sich unvorhergesehen zu verbalen Höchstleistungen im Fortefortissimo, da saß jemand, der interessiert ist, brennt, aufmerksam strebt, der sich dafür erwärmt Einfluss zu nehmen, auf Kultur, zu dirigieren, zu gestalten und zu mitzubestimmen und das auf eine so sympathische bescheidene Art und Weise in dieser Münchener Metropole, mit einer Bescheidenheit, wie wir sie uns in unserer provinziellen Headquarter hier vor Ort, so manches Male wünschen würden, auf der Basis von ausgeprägter Professionalität.

Arbeit – klar – oft genug schon im noch jungen künstlerischen Leben unseres Preisträgers honoriert, Fleiß – in jedem Fall –, aber auch Berufung, Leidenschaft und dem Empfinden einer unwiderstehlichen Anziehung. Angezogen von einer Lebensrichtung , einer Sphäre, einer Epoche, in der sich die Musikgeschichte geraume Zeit schon, nicht ganz ohne Irrwege und Fehltritte versucht, die Neue Musik!

Nach ersten spielerischen Gehversuchen durchs musikalische „Indianerland“ kam es zu frühem interessierten Beschäftigen mit Blattspiel, Theorie und Begeisterung an der Improvisation. Mit 14 Jahren etwa, endlich, das erste eigene Stück, jetzt auch spielbar für Andere, mit Hilfe von Notensatz- und Drucksoftware  unwiderruflich zu Papier gebracht.

Und so ging es weiter, mehr und mehr bis zum heutigen Tag, alle Gelegenheiten und Aufträge nutzend, die sich ihm, die sich durch die Hochschule boten, Aufträge der Staatsoper, von Festivals und mehr... nicht zu vergessen, die Siemens-Stiftung „extrem aktiv“, was die Förderung junger Komponisten in München angeht.

Zentral blieb und bleibt das Klavier, die Erfordernisse an Kenntnissen über viele andere Instrumente allerdings, ihrer Techniken, der ganz eigenen körperlichen Erfahrungen des Spielers mit ihnen, der Physik, der konditionellen Belastung, der Geschichte usw. sind unabdingbar für die Arbeit eines Komponisten und so auch ausgesprochen umfangreich bei Philipp Mayer vorhanden. „Du musst dich reinhören“, sagt er, „ausprobieren, du brauchst den Kontakt zu ganz vielen Musikern.“ Und da hatte es ihm eine Cellistin... irgendwie... Auch die Hormone komponieren mit... Er liebt aber auch die Klarinette und das Saxophon, ihre Mischungsmöglichkeiten im Klangbild des Ensembles.

Wir stellen uns das bitte einmal vor: Aufnahmeprüfungen in Stuttgart, Hannover und München, alle bestanden, dort, mit das Härteste, dem wir uns als Musiker stellen können, mit dieser Zielrichtung. Dieser junge Mensch sucht sich aus, was er tut und wo er es tut. Beneidenswert! ...und nicht nur ein Phänomen der Jugend, davon konnte ich mich überzeugen.

Beinahe hätte ich mich im fortgeschrittenen Gesprächsverlauf in eine Diskussion um den Philosophen Theodor W. Adorno verstrickt, die ich allerdings geschickt umschiffen konnte.

„Zahlen bitte...“

In einer Zeit in der Dilettantismus und Halbwissen immer mehr um sich greifen, die Verwässerung von Niveau und Standard immer mehr Erfolge feiert, Deutschland immer weiter nach dem „Superstar“ sucht, nach „The Voice Of Germany“, bei allem Respekt, freue ich mich für einen Kandidaten und freue mich für uns, die Jury des Kulturpreises, ich freue mich, einem würdevollen Vertreter gratulieren zu dürfen, der sich aufmacht, eine Lanze für Kunst, Kultur, Niveau und Professionalität auf ganz hoher Ebene zu brechen. Richtig schade, aber auszuhalten, dass heute Abend so mancher Vorschlag und so manch Vorschlagender/de nicht anwesend ist.

Ich wünsche ihm für die Zukunft alles erdenklich Gute, Kraft, Motivation und Treffsicherheit, was seine Pläne, Wünsche und Träume angeht, von denen er mir vertrauensvoll noch so einiges verraten hatte, was ich Ihnen allerdings mit Verlaub vorenthalte, darum wurde ich gebeten.

Ich verneige mich vor dem Kulturpreisträger Förderpreis des Main-Kinzig-Kreises 2016, Philipp Christoph Mayer.


Die Laudatio hielt Harry Wenz (Mitglied der Kulturpreisjury)
02. November 2016, Main-Kinzig-Kreis