2014 becker

2014 • Kunst

Dorothee Becker

Bad Orb 1966

Lindenallee 22 • 63619 Bad Orb

Tel. 06052/900385

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Dorothee Becker

Laudatio auf Dorothee Becker

Unsere diesjährige Kulturpreisträgerin erfüllt in nahezu allen Punkten die Kriterien, die einmal vor fast 40 Jahren für diese Auszeichnung formuliert wurden. Die kreative Qualität ihrer Arbeit ist ganz offensichtlich und kaum zu bestreiten, aber vor allem ist ihr kulturelles Wirken im und für den Main-Kinzig-Kreis hervorzuheben. Dorothee Becker ist quasi Motor, Motivation, Triebfeder, Inspiration und auch Kuratorin für viele Projekte und Ideen. Es ist ihre besondere Fähigkeit, die Kunst im doppelten Sinne (räumlich und emotional) zugänglich zu machen.

Die Absolventin der Akademie für Handwerksdesign (Aachen) wird daher von Kollegen für ihre „fürsorgliche Organisation” sowie ihre „zugewandte und einfühlsame Persönlichkeit” sehr geschätzt. Der Dreh- und Angelpunkt für ihre Arbeit ist die Kurstadt Bad Orb, die offensichtlich eine besonders hohe kreative Dichte aufweist (mit vielen Künstlerinnen und Künstlern). Hier hat Dorothee Becker auch die Traditionsausstellung „Dialog der Elemente” wesentlich geprägt und entwickelt.

Ihre Werke werden als „ehrlich und gediegen” beschrieben, die besondere Wirkung entsteht jedoch in der Regel aus dem Zusammenhang – aus dem „Woher” und dem „Wohin”. Denn sehr häufig stellen die Objekte und Aktionen eine Entwicklung dar, eine Verwandlung oder auch eine komplett neue Bedeutung.

Mit großer Hingabe widmet sie sich scheinbar nutzlosen oder überflüssigen Dingen des Alltags, um diese zufälligen Fundstücke in einen völlig neuen Kontext zu bringen. Dann teilt sie die Freude und Begeisterung der Betrachter, die an einer Skulptur plötzlich die Frottee-Handtücher erkennen oder andere Utensilien.

Aber es ist nicht nur der vergessene Krimskrams einer Schublade, der Dorothe Becker zu künstlerischen Gedankensprüngen anregt. Ganz aktuell sind es zahlreiche so genannte Sterbebildchen, die sie sorgsam gefaltet zu einem großen Mobilé zusammenstellte. „Mir gefiel die Idee der Schwerelosigkeit, des Loslassens und dieser sanften Bewegung im Raum” schilderte sie ihre Gedanken zu dem außergewöhnlichen Kunstwerk, das kürzlich in ihrer Heimatgemeinde Biebergemünd im Rahmen einer Ausstellung zu sehen war. „Ich möchte Deutungen anbieten und in der Schwebe halten”, sagt die Künstlerin.

Ohnehin ist sie sehr an großen Themen wie Religion und Traditionen interessiert. Hier schafft sie es sehr gefühlvoll, den Grenzbereich auszuloten ohne zu provozieren oder sich anzubiedern. Ihre Arbeit wirkt niemals schwermütig oder gar morbide, sondern eher leicht, bunt und fröhlich. So schafft sie neue Erfahrungsräume, bietet andere Sichtweisen und regt an zum Dialog. Das ist möglich aufgrund ihrer Begabung, ihrer hohen sozialen Kompetenz und aufgrund ihrer intensiven Beschäftigung mit den Menschen.

Denn Kunst – in welcher Ausprägung auch immer – ist für Dorothee Becker kein Selbstzweck. Sie nutzt dieses Medium in der pädagogischen und therapeutischen Arbeit oder auch für gesellschaftliche Themen und Tabus. Im Laufe der Jahre hat sie sich hier eine hohe Sensibilität erarbeitet, die von vielen Wegbegleitern anerkannt und gelobt wird.

Ihr Talent wurde bereits in der Grundschule von der Kunstlehrerin erkannt und unterstützt. Die Eltern waren ebenfalls kreativ tätig und sorgten somit für ein anregendes Umfeld. Sehr früh konnte sich Dorothee Becker auch für die Zeichnungen und Darstellungen in Bilderbüchern begeistern. Mit einem Farbkasten setzte sich die künstlerische Entwicklung dann zunächst auf dem Papier weiter fort. Heute nutzt sie alle räumlichen Dimensionen bis hin zur Performance. Und ihre Kinder (14 und 18) sind inzwischen auch von dieser Leidenschaft erfasst und entwickeln eigene Schwerpunkte.

Ein Beispiel: Am Ostermontag hat Dorothee Becker unter dem Titel „Bornweg 42” mehr als 20 Symbole für Religion und Spiritualität in einer künstlerischen Aktion verwandelt. Die Andachtsbilder, Kruzifixe, Dürers Betende Hände, Leonardos Abendmahlszene in Holz und andere Devotionalien für diese Performance stammten aus einem alten Haus und waren nach dem Tod der Bewohner quasi herrenlos geworden. Während vieler solcher Gegenstände sonst fortgeschmissen werden, erhielten diese Zufallsfunde einen neuen Wert.

Zunächst wurden alle Teile auf einer Wand befestigt und dann mit weißer Farbe bestrichen. Dann wurde Farbpulver verteilt und zufällig aufgetragen, so dass nicht nur das Ergebnis die Betrachter zum Dialog aufforderte, sondern auch das Ereignis, die Verwandlung.

Dorothee Becker findet fast immer einen sicheren und ehrlichen Zugang und eine Überleitung. So zum Beispiel zur Geschichte der Gelnhäuser Villa Sondheimer oder auch zu den fragwürdigen Produktionsbedingungen von einige Bekleidungsketten, die mit Tiefstpreisen werben. Und auch hier ist ihr Ansatz originell, anregend und nicht aufdringlich.

„Jeder darf Kunst machen” lautet ihr Credo, wenn sie Menschen zum Beispiel an der Spessartklinik an dieses Medium heranführt. Auf behutsame aber auch lebendige Weise schafft sie es, die Angst zu nehmen und die Kreativität freizusetzen. „Absichtsloses Malen” lautet dieser intuitive und sehr authentische Ansatz. Hier erlebt sie große Dankbarkeit und Freude, wenn Männer und Frauen in fortgeschrittenem Alter verborgene Talente entdecken. Dabei kann Dorothee Becker auch auf ihre ansteckende Begeisterung vertrauen, mit der sie immer wieder Brücken baut zu künstlerischem Neuland.

Echtes Neuland ist auch ein Projekt, welches sie kürzlich mit Kindern in Bad Orb durchführte. Mit Kindern hat sie den Sarg des kürzlich verstorbenen Kulturpreisträgers Helmut Jahn farbig gestaltet. Diese außergewöhnliche Annäherung an das Thema „Sterben” ist ein typisches Beispiel, wie Dorothee Becker die Kunst im Alltag einsetzt. Natürlich war die Aktion mit allen relevanten Personen abgesprochen und vermutlich auch im Sinne des verstorbenen Malers. Denn unsere heutige Kulturpreisträgerin kannte Helmut Jahn, weil sie im Wilhelminenhaus in Bad Orb über viele Jahre Tür an Tür gearbeitet haben.

Mit all diesen Beispielen ist die Malerin, Bildhauerin, Kuratorin, Lehrerin und Therapeutin für unser kreatives Leben im Main-Kinzig-Kreis besonders wertvoll. Ich freue mich daher, dass wir Dorothee Becker heute mit dem Kulturpreis 2014 auszeichnen können.

Die Laudatio hielt
Susanne Simmler
Erste Kreisbeigeordnete
des Main-Kinzig-Kreises