2012 mellies

2012 • Musik

Philipp Mellies

*Hanau 1990

www.philippmellies.de

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Philipp Mellies

In der Wunderwelt der Musik ist es bekannt und doch weitgehend unbeachtet, dass die Querflöte, ein streng aber auch sanft anmutendes Instrument aus Metall, zu den - Holzblasinstrumenten gehört.

Querflöte (auch: Traversflöte - lat. transversus = quer, international "German flute") ist eine heutzutage meist aus Metall gefertigte Flöte mit Anblaskante, die quer zum Körper gespielt wird. Als Material wird beispielsweise Weißgold, Neusilber, Nickel und Messing verwendet.

Holz für Querflöten aber ist dennoch nicht ganz abgeschafft. Philipp Mellies, der heute mit dem Förderpreis geehrt wird, spielt - wir haben sie gehört und gesehen - eine Silberflöte; außerdem hat er eine Flöte aus Grenadill-Holz, eine Oktave höher und als Soloinstrument nicht verwendet.

Die ersten Flötentöne wurden dem siebenjährigen Philipp in der Hanauer Hindemith-Musikschule beigebracht. Die Lehrerin Doina Vacarescu begleitete ihn über zehn Jahre hinweg, bis der 17jährige an Dr. Hoch's Konservatorium zu Rolf Bissinger nach Frankfurt wechselte. Dies alles - wohlgemerkt - außerhalb der schulischen Pflichten an der Hanauer Karl-Rehbein-Schule, wo Philipp Mellies 2009 sein Abitur machte. Bis dahin hatte er an 15 Musikwettbewerben teilgenommen, 7 erste und 7 zweite Preise errungen, war Mitglied im Landesjugendsinfonieorchester Hessen geworden und hatte auch im Schulorchester der Rehbein-Schule und auf der Hanauer Musikszene beachtliche Aktivitäten entfaltet. Die Schule war stolz auf Talent und Tatkraft ihres Schülers Philipp Mellies und ist es auch am heutigen Abend.

Der Entwicklungsbogen spannt sich dann bis in unsere Tage zu den Meisterkursen in der ersten Reihe von Flötenvirtuosen, an denen Philipp teilnimmt. So etwa bei Michael Faust; sowie bei Michael Martin Kofler, Soloflötist der Münchner Philharmoniker und Professor am Mozarteum Salzburg. Und bei Huguette Dreyfus, der Grande Dame des Cembalospiels, was nur scheinbar aus der Reihe tanzt. Natürlich sind solche Namen wichtige Einträge in die Vita eines jungen Künstlers, doch bei diesen Kursen wird ja auch etwas weitergegeben vom Geist der einstigen Lehrer heutiger Meister; so war Michael Faust Schüler von Karlheinz Zöller, des vielleicht wichtigsten Flötisten für ein halbes Jahrhundert. Und prägend sind nicht nur berühmte Namen im Portfolio eines Künstlers, der am Anfang steht. Für Mellies wichtig sind auch Begegnungen bei Orchesterkursen und Konzerten etwa mit der Deutsch-Skandinavischen Jugendphilharmonie oder - bis heute - das Singen als Tenor im Extrachor des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Extrachor meint, dass der Berufschor der Oper für eine Produktion mehr Stimmen braucht, die dann aus dem Extrachor geholt werden.
Das sind die Highlights. Und was ist das tägliche Brot des heute 22 Jahre alten Philipp Mellies?

Das Wort Karlsruhe ist gefallen, das meint kulturell: Staatstheater, Landesmuseum, Kunsthalle, Sloterdijk, Zentrum für Kunst und Medientechnologie. Und natürlich: Schloss Gottesaue, Sitz der Hochschule für Musik. Hier studiert Philipp Mellies seit dem mit Auszeichnung des Hanauer Gymnasiums abgelegten Abitur, nunmehr im vorletzten Semester.

Ich habe ihn gefragt: Wie kann man sich Ihr Studium in Karlsruhe vorstellen?

Spannend! (sagt Philipp), die Hochschule ist so klein, dass man fast jeden Dozenten und Studenten zumindest vom Sehen kennt. Es geht ganz viel um zwischenmenschliche Beziehungen, die sowohl im Einzelunterricht und Unterricht in kleinen Gruppen als vor allem auch beim Spielen von Kammermusik sehr wichtig sind. Hier wird also nicht beigebracht, wie man ein Instrument bedient, sondern man wird als Persönlichkeit ausgebildet. Es ist meist üblich, seinen Professor zu duzen.

Und wie sieht ein typischer Tag für Sie an der Hochschule aus?

Typische Tage gibt es eigentlich überhaupt nicht. An manchen Tagen bin ich von 8h morgens bis 22h abends in der Hochschule und es reiht sich Termin an Termin, an anderen habe ich ganz verstreut Termine.

Ich kann in den Pausen einfach in leeren Unterrichtsräumen üben. Donnerstags ist immer Klassentag. Wir treffen uns mit der ganzen Flötenklasse (12 Studenten), spielen fertige Stücke vor und bekommen ein Feedback von Renate, das ist Frau Prof. Greiss-Armin. [Es folgen Terminabstimmungen] ... Danach ist Flötenensemble-Probe (auch mit fast der ganzen Klasse): die Hochschule hat Alt- und Bassflöten und eine Kontrabassflöte, die für die hohen Flöten ein tolles Fundament bieten. Ich bin der Privilegierte, der die Kontrabassflöte, 3 Meter lang und zwei Oktaven tiefer, eine Rarität und Sonderanfertigung, spielen darf. Nach 3 Stunden Probe damit fühlt man sich ziemlich ausgepumpt und braucht eine Pause. Donnerstag ist auch der einzige Tag, an dem unser Korrepetitor aus Freiburg da ist. [Das heißt: Intensivunterricht]. Manchmal folgt noch ein öffentlicher Flötenvorspielabend.

Was alles umfasst das Lernpensum?

Für das Hauptfach muss ich mich auf meine Einzelunterrichte bei Renate (1h30) und bei Mathias Allin (1h), dem Assistenten, vorbereiten, 2 Probespielstellen große Flöte, 1 Piccolo für den Gruppenunterricht, Kammermusik, Orchester, Flötenensemble, Korrepetition, Lehrproben, Unterrichtspraktikum, Pädagogik, Methodik... Vor allem muss man sich aber auf die Einzelunterrichte gut vorbereiten, da kann man sich nicht verstecken.

Welche Prüfungen gibt es?

Es gibt Zwischenprüfungen im 2. und 4. Semester und das Abschlussrecital für das Hauptfach. Im 7. Semester jetzt habe ich schon die ganzen Theoriefächer absolviert: Instrumentenkunde/Akustik, Solfège, Tonsatz, Formenkunde/Analyse, Musikgeschichte, Gehörbildung. Klavier habe ich statt nach dem 4. schon nach dem 3.Semester abgeschlossen. Dieses Semester kommen [noch] drei wichtige Prüfungen auf mich zu: Orchesterstellen, Methodik/Lehrproben+Pädagogik und Kammermusik. Die Kammermusik gehört eigentlich zum Abschlussrecital, aber ich darf sie auch gesondert vorzeitig machen.

Ein enormes Pensum. Es erinnert mich irgendwie an das strenge und regulierte Instrument Querflöte. Mich beeindruckt sehr, dass es in diesem Studium den Lehrern darum geht, die Studierenden "als Persönlichkeit" zu formen; so empfindet es jedenfalls Philipp Mellies und das scheint so selten im heutigen akademischen Betrieb, wo Ausbildung die Bildung ersetzt.

So ist der Horizont unseres Preisträgers ganz weit. Er liest "Empört Euch!" von Stéphane Hessel und sagt, dass dieser 95jährige Mann ihm die Augen geöffnet hat, dass man durchaus Einfluss nehmen kann auf Umstände, in denen man zu leben hat. Beispiel: Vor kurzem ging es darum, sich über die Fusionierung der SWR-Sinfonieorchester und was daran noch hängt - etwa das Donaueschinger Festival - zu empören. "Da war ich dabei!", setzt Philipp ein Ausrufezeichen, "es erfordert Mut, aber man fühlt sich lebendig. Empört ist unser Preisträger auch über den sukzessiven Schwund des Musikunterrichts in Deutschland: "Wir haben die reichste Musikkultur der Welt, aber im Moment interessiert es uns herzlich wenig."

Sich mit anderen Flötisten zu messen, dafür gibt es die Top-Wettbewerbe wie Kobe Flute Competition, den Kuhlau-Wettbewerb, ARD-Wettbewerb und Deutschen Musikwettbewerb. Und welchen möchte Philipp Mellies mal gewinnen? "Alle", sagt er mit großem Augenzwinkern.

Wichtige Komponisten sind für ihn Beethoven und Schostakowitsch. Philipp liebt das Violoncello, würde aber "kein Instrument lieber spielen wollen als Gesang und Querflöte." Ich lerne, Stimme als Instrument zu sehen. Seine Lieblingstonart ist d-moll, und besonders schwierig zu spielen ist die Sonatine für Flöte und Klavier von Pierre Boulez und die erste Sequenza von Luciano Berio. Das Allerschönste im aktuellen Repertoire von Philipp ist Schuberts "Introduktion und Variationen über ‚Trockne Blumen’ für Klavier und Flöte.

Philipp Mellies’ letztes Examen ist im nächsten Sommer, im Juli 2013. Was kommt danach? Was wird er mit dem Förderpreis anfangen?

Lieber Philipp, herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis. Und an die Eltern Mellies: Seien Sie stolz auf Ihren Sohn!

Leben Sie wohl, sagt man zum Abschied. Ich sage jetzt: Philipp, leben Sie wach!

Die Laudatio hielt
Prof. Dr. Heinz Schilling
Vorsitzender der Kulturpreis-Jury

 

Seit Verleihung des Kulturpreises hat sich einiges getan:

- 2013 bis 2015: Studium bei Vincent Cortvrint am Conservatorium van Amsterdam

- 2014: Erste berufliche Erfahrungen als Aushilfe im Concertgebouworchester Amsterdam

- 2015: Aufführung des Konzerts für Flöte und Orchester von Carl Nielsen als Solist mit dem Landesjugendsinfonieorchester Hessen, u. a. im HR-Sendesaal

- 2015: Verleihung des Kulturpreises der Wolfgang Arnim Nagel-Stiftung

- 2016: Orchesterprojekte in bekannten Festivals in Kanada und Deutschland

- seit September 2016: Unterrichtung von Flöte an der Paul-Hindemith-Musikschule in Hanau