2005 oblaender

2005 • Bildhauerei

Dorle Obländer

Hannover 1947 - Schlüchtern 2016



Dorle Obländer

Schuhe spielen, wie bei ihrer Mitpreisträgerin Angela Bugdahl, auch im Oevre von Dorle Obländer eine Rolle. Allerdings können die Gegensätze nicht größer sein. Sind die Modelle bei Bugdahl hyper-realistisch und detailgetreu gemalt, so sind Obländers Schuhwerke 90 cm große Betonskulpturen mit phantastischen Accessoires und zauberhaften Titeln. "Rumpelstilzchens Schuhe" erinnern an die ausgetretenen, ausgefransten Pantoletten eines Narren und Höflings. In Schneewittchens Brautschuhen haben die Sieben Zwerge Platz gefunden, als wollten sie darin eine Sieben-Meilen-Reise antreten. Die Pumps mit den applizierten rötlichen Muscheln könnten der "Kleinen Meerjungfrau" zugeordnet werden, die Fächer auf den orangeroten Stöckelschuhen verweisen auf eine chinesische Prinzessin... Bezüge zu Märchen sind ein typisches Merkmal in Dorle Obländers bildhauerischem Schaffen. Jahrelang hat sie mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf im südlichen Vogelsberg gelebt und gearbeitet. Eine Umgebung, die sie "eine Märchengegend" nennt. Der Journalistin Ilse Werder hat sie im Gespräch für das Buch "Künste, Kämpfe, Kompetenzen" gesagt: "Ich entdecke in mir eine Neigung zum Skurrilen, zum Merkwürdigen und das passt ganz schön in unsere Märchengegend."

Das finden andere auch: 1999 entstehen "Die Sieben Zwerge", die heute im Hof des Brüder-Grimm-Hauses in Steinau stehen. Von 2000-2001 werden ihre Arbeiten im Garten des Grimm-Museums in Kassel gezeigt. Im Mittelpunkt stehen "nicht die Hauptfiguren, die Heldinnen und Helden im Märchen," wie Landrat Erich Pipa in seiner Laudatio hervorhebt, "sondern die Verlierer, die Randfiguren. Sie erzählen ihre Geschichte". Neben den beleidigten Sieben Zwergen aus "Schneewittchen", die hochnäsige "Frau Drosselbart", der betrogene Zauberer aus dem "Gestiefelten Kater" oder der frustrierte König aus dem "Tapferen Schneiderlein". Sie alle zeigen in Ausdruck und Geste, dass sie sich für die eigentlichen Helden der Märchen halten und sich mit den Nebenrollen nicht zufrieden geben.

Dieser trotzigen Haltung entsprechen die Eigenschaften des Materials, aus dem sie geschaffen wurden. Dorle Obländer arbeitet mit Beton im Auftragverfahren. Die Technik hat sie selbst erfunden und erprobt. Auf der Suche nach wetter- und frostbeständigem Werkstoff für ihre Plastiken erinnerte sie sich an spezielle Verputzmischungen, die sie benutzte, als sie ihre historischen Wohnhäuser renovierte. In ihrem Schlüchterner Zuhause dient ihr die alte Waschküche im Keller als Studio. "Hier tauche ich unter, kann rumsauen und Dreck machen!" Besonders viel Schmutz bereitet die Arbeit am Unterbau der Skulpturen, den sie aus Styroporblöcken mit Messer und Stahlbürsten modelliert. Ist die rohe Gestalt fertig, trägt sie per Hand zwei bis drei Schichten auf. "Ich arbeite ausschließlich mit den Händen, ohne Spachtel. Dadurch wird alles so rund, gedrungen, knubbelig und weiblich!" Richtig gemischt, lässt sich der Beton wie Ton verarbeiten. Für herausragende Körperteile wie Ohren, Nasen oder Busen konstruiert sie zusätzlich kleine Unterbauten aus Draht.

Mindestens einen Monat lang müssen die Figuren trocknen, bevor Dorle Obländer sie mit Fassadenfarben kunterbunt koloriert. Während dieser Trockenphasen hat die Bildhauerin wieder angefangen zu malen. Was zunächst als Fingerübung begonnen hat, entwickelt sich inzwischen zu einem zweiten beruflichen Standbein, eventuell auch als Alternative im Alter, wenn die körperliche Schwerarbeit an den Plastiken irgendwann zu strapaziös werden sollte. Ebenso wie bei den Skulpturen sind auch bei den Gemälden, die in Acryl auf Leinwand entstehen, "Serien" auszumachen. Da gibt es eine kleinformatige Reihe von Frauenporträts auf denen die Damen wunderlich dekoriert sind. "Veronika" hat eine Schnecke auf der Schulter und trägt einen auffallenden Paprika-Ohrring, "Hannelore" ist mit einer Brosche aus Erbsenschoten geschmückt, der "Pilzfrau" wachsen Pfifferlinge aus dem Pulloverausschnitt.... Die aberwitzigen Appendices, kombiniert mit dem karikaturhaften Malstil der Konterfeis "schreien" förmlich danach, in einem Frauenbilderbuch mit entsprechend liebenswert-grotesken Erzählungen publiziert zu werden!

Ein bisschen melancholisch mutet der großformatige Zyklus "von Frauen, die Tiere lieben" an, wie "Helene" mit Hund Rudolf oder das alte Mädchen mit dem Raben von "Forever and ever". Allen gemeinsam ist, dass Dorle Obländer einen liebevollen Blick auf sie wirft, ihre Überzeichnungen haben nichts boshaftes, sondern beinhalten, dass man "Unzulängliches wieder gutmachen kann."

Mit diesem Genre knüpft Obländer an eine Art zu malen an, die sie praktizierte bevor sie Kunst studiert hat, bevor die kopflastige, formstrenge Ausbildung an der Uni ihre Kreativität zügelte.

1947 in Hannover geboren, studiert sie von 1970 bis 1975 Bildende Kunst und Kunstpädagogik in Offenbach und Kassel. Sie unterrichtet als Studienrätin in Kassel, Offenbach, am Lichtenberg-Oberstufen-Gymnasium in Bruchköbel und am Ulrich-von- Hutten-Gymnasium in Schlüchtern. 1992 gibt sie die Lehrtätigkeit auf und wird freie Bildhauerin im südlichen Vogelsberg, ab 1997 in Schlüchtern. Seitdem, das ist ganz offensichtlich, sprüht sie vor Schöpferkraft! Seit 1993 ist sie im Rhein-Main-Gebiet zwischen Fulda, Hanau und Darmstadt regelmäßig in Ausstellungen präsent. Einzelausstellungen hat sie 1994 in der Remisengalerie Hanau, 1999 im Brüder-Grimm-Haus Steinau, 2000 im Schloss Bellevue Kassel und 2002 in der Galerie 88 in Hanau. Von 1999 bis 2004 engagiert sie sich federführend in der Gruppe "Künstlerinnen in der Region". Sie vereinigt Musikerinnen, Schauspielerinnen und Bildende Künstlerinnen und stellt jährlich ein Programm aus Konzerten, Ausstellungen und Performances zusammen, das sich thematisch auf Orte in der Region bezieht. So in Fulda, Eichenzell, Gersfeld, Steinau und Hungen.